Georgien Nachrichten
November 2017
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Georgien ist kein kriminelles Land!
Wie ein Lauffeuer verbreiten sich seit einigen Tagen die Nachrichten über Georgien in der deutschen Presse, dass einzelne Fraktionsvertreter im Bundestag, sowie einige deutsche Innenpolitikexperten wie Armin Schuster vor der Visa-Freiheit für Georgien warnen. Der Grund sei die deutlich angestiegene Kriminalität seitens der georgischen Staatsbürger und Missbrauch des Asylrechts, dergestalt dass der Zeitraum für die Bearbeitung der Asylanträge häufig für organisierte Verbrechen genutzt wird. Überschriften wie „Visa-Freiheit: Regierung fürchtet georgische Diebesbanden“ (DIE WELT) oder „Zu kriminell | Union lehnt Visa-Freiheit für Georgier ab“ (BILD) werden in den sozialen Netzwerken im Sekundentakt geteilt.
Die Niederrheingruppe und was sie mit Georgien zu tun hat
Vor wenigen Wochen ist die Niederrheingruppe erschienen, der jüngste Kriminalroman von Thomas Berscheid, der jahrelang die Nachrichten auf dieser Webseite geschrieben hat. Die Niederrheingruppe spielt fast ausschließlich im Kreis Viersen und hat einen kleinen Abstecher nach Köln. In Georgien spielt die Handlung nicht. Und dennoch sind viele Erfahrungen aus dem Nachrichten über Georgien der letzten Jahre in diesen Kriminalroman mit eingeflossen.
Iwanischwili reist nach Brüssel
Der georgische Premierminister Bidsina Iwanischwili ist zu einem Besuch nach Brüssel gereist. Dies ist sein erster Auslandsbesuch nach dem Machtwechsel durch demokratische Wahlen in Georgien.
Metro soll auch bestreikt werden
Die Gewerkschaft der Beschäftigten der Metro in Tbilissi hat angekündigt, in den Streik treten zu wollen. Damit wollen die Beschäftigten der Metro den Streik der Busfahrer unterstützen. Diese waren Mitte der Woche in den Streik getreten. Sie verlangen u. a. eine Gehaltserhöhung und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Treffen mit Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe und der Stadtverwaltung am Sonntag war ergebnislos verlaufen, die Fahrer verlangen den Rücktritt der beiden verantwortlichen Personen.
Sammlung von Unterschriften für Rücktritt von Saakaschwili hat begonnen
Die Organisation Einheit für Rechte in Georgien hat mit der Sammlung von Unterschriften für einen Rücktritt des Präsidenten Saakaschwili begonnen. Dies teilte die georgische Nachrichtenagentur Interpressnews mit.
Kalandadse und Schamatawa von Gericht ihrer Ämter enthoben
Der Leiter des georgischen Generalstabs, Giorgi Kalandadse, und der Kommandant der vierten Brigade der Streitkräfte, Surab Schamatawa, sind ihrer Ämter enthoben worden. Eine entsprechende Entscheidung fällte der Gerichtshof in Tbilissi auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft am Sonntag.
Das Leben im Halbestundentakt
Erster Tag

Der Minutenzeiger meiner Uhr scheint stehen geblieben zu sein. Oder versteinert. Irgendwann. Vor einer Ewigkeit. Nur der Sekundenzeiger kriecht unvorstellbar langsam und ich habe Angst, sie wird auch bald stehen bleiben. Den Stundenzeiger kann ich vergessen. Ich hoffe nur, eine andere Uhr irgendwo in der Stadt, in einem Radiostudio wird bestimmt nicht stehen bleiben. Das darf sie nicht, sonst bleiben dann alle Uhren in Georgien stehen. So denke ich jetzt auf jeden Fall. Seit gestern. Bis gestern fielen keine usgeliefert ist. Leben? Dieses Verb ist sicherlich nicht ganz richtig am Platze. So „leben“ am wahrscheinlichsten die Häftlinge in der Todeszelle. In ständiger Todeserwartung und in

voller Ungewissheit. Nun ist das ganze Land eine Todeszelle und wir alle sind theoretisch oder auch praktisch die zum Tode verurteilten Häftlinge. Ohne Gericht und Todesurteil. Also ein Unterschied zwischen uns den zum Tode verurteilten Häftlingen besteht doch: Wir wissen nicht – wofür?

Der Fernseher bringt Nachrichten im Stundentakt, aber das Radio ist schneller und seit gestern leben wir alle im Halbestundentakt. Ein Blick auf den Minutenzeiger. Zehr Minuten oder eine Ewigkeit bis acht. Ich schließe die Augen. Mit geschlossenen Augen sehe ich vier Taschen in unserem kleinen Vorzimmer. In jeder Tasche sind zwei Flaschen Trinkwasser, ein Stück Brot, ein paar Würste, eine Wolldecke… Was noch? Ja, Streichhölzer und vier Kerzen. Nur in meiner Tasche liegt noch etwas – mein Laptop und unser ganzes Geld. Unsere Handys halten wir immer in der Reichweite. Also alle startbereit. Der Keller, unsere schwache Hoffnung, ist nicht weit. Seit gestern schlafen wir nicht in, sondern auf den Betten. Unausgezogen. Das ist mein Befehl. Meine Söhne protestieren. Es ist ja August und sehr warm. Aber ich bleibe hart. Jeder hat seine Papiere bei sich. Meinen USB- Stick mit allen meinen gespeicherten Texten und mit Adressen und Telefonnummern von allen Menschen, die ich kenne, habe ich Tag und Nacht in der Brusttasche meiner leichten Sommerjacke. Natürlich ist das alles auch in meinem Handy schon lange gespeichert, aber mit dem Akku muss ich sehr sparsam umgehen.



Zweiter Tag

Ein Glück, dass das Internet immer noch funktioniert. Viele Mails aus Deutschland. Meine Freunde sind besorgt, entsetzt und auch hilfsbereit. Mein „deutscher Bruder“ (anders oder besser kann ich es wirklich nicht sagen) Jürgen schreibt, ich und meine Familie sollen sofort nach Deutschland kommen. Sein Haus sei unser Haus. Das wiederholt er jedes Mal in seinen Mails. Es kommen auch Anrufe aus dem Ausland. Mein Freund Matthias aus Berlin ruft fast jeden Tag an. Auch er ist hilfsbereit. Weitere Mails. Es sind sehr viele. auch von den Menschen, die sich seit langem nicht mehr gemeldet haben. „Wenn Deutschland die letzte Rettung ist. wollen wir einen Weg finden“ – steht in einer Mail. Ich weiß, dass diese Worte völlig echt sind und vom Herzen kommen. Ich bin sogar in meiner Lage sehr glücklich darüber. Im Prinzip ist der Westen, also auch Deutschland, tatsächlich die letzte Rettung oder wenigstens Hoffnung. Aber, wie es schon vor etwa neunzig Jahren bei Remarque hieß, ist „im Westen nichts Neues.“ Außer „Besorgnis“ und vage Aufrufe zum Waffenstillstand oder wenigstens zu einer Feuerpause. Dem Westen geht es vor allem nur um neue Preise auf Erdgas und Erdöl. Sie steigen und steigen, aber das ist dem Westen eigentlich egal. Er hat noch genug Geld. Hauptsache, dass man Gas und Erdöl von den Russen immer noch kaufen kann. Der Westen will Komfort, Ruhe und Sicherheit. Hauptsache, Russland greift nicht sie an. Noch nicht, würde ich sagen. Aber dass so was irgendwann sehr möglich ist, will man im Westen einfach nicht wahrhaben. Lieber den Kopf möglichst tief in den Sand stecken oder dezent wegschauen. Wie damals, in 1938. Was aber danach der Herr Führer gemacht hat, müssten die sehr geehrten Damen und Herren im Westen eigentlich immer noch wissen.

Um acht schalte ich das Radio ein. Ja, tatsächlich – die Uhren bei mir und im Studio gehen nicht ganz exakt gleich. Es ertönt zuerst irgendeine Musik und dann die Werbung. Diese klingt für mich derart surrealistisch, als käme sie aus irgendeiner anderen Welt, die sich irgendwo weit, unzählige Lichtjahre weit weg befindet und in der mit allen möglichen Baumaterialien, Damenbinden, Elektrowaren und Waschmitteln gehandelt wird. Die sorgenlos quasselnden Stimmen verstummen plötzlich. Es folgt eine sekundenkurze und etwas ernsthaft klingende Musik, die mein ganzes Blut seit gestern für ein paar Minuten zum Stillstand bringt – endlich mal die Nachrichten. Diesmal kann ich auch den Fernseher einschalten. Das haben meine Söhne für mich schon gemacht. Das höre ich und gehe ins Nebenzimmer. Meine Söhne sehen mich wortlos an. Dann wieder auf den Bildschirm. Wieder Tote, Schwerverletzte, Zerstörungen und verzweifelt herumlaufende Menschen, Hunde, Vieh und andere Haustiere auf den Straßen der zerbombten Orte… Dann noch etwas, einige Details, die ich kaum höre, denn die Schmerzen, die vor etwa zwanzig Minuten zurückgegangen sind, kommen wieder. Zuerst im Nacken und Sekunden später im Herzen. Eine halbe Minute später wird es trocken im Mund, dann unten in der Kehle, es geht noch tiefer und ich frage mich, wieweit trocken ein lebendiger Mensch werden kann. Ein Schluck Wasser. Dann noch einmal. Noch einmal. Es hilft nicht. Muss oder wird schon von selbst vergehen. Das weiß ich mittlerweile ganz genau. Es wird aber in etwa fünfundzwanzig Minute wieder kommen. Plötzlich höre ich Kinderstimmen im Hof. Es sind zwei Stimmen. Die Kinder müssen noch sehr klein sein, denn ich kann nicht ganz unterscheiden, ob es Buben oder Mädels sind. Eins von ihnen lacht laut. Das Andere ruft etwas. Diese zwei Stimmen wirken zuerst fast genauso surrealistisch, wie die Werbung vor kurzem. Dann fühle ich mich irgendwie entspannt und muss mich wundern. Die fröhlichen Kinderstimmen sorgen dafür und ich muss mich irgendwie schämen, weil gerade diese ahnungslosen Kinder mir ein paar Sekunden lang eine Scheinwelt geschenkt haben, in der alles beim Alten ist.

Wir wohnen im ersten Stock und die Kinderstimmen klingen ganz nah. Ich stehe auf. In der Wohnung kann ich nicht mehr bleiben. Hoffentlich wird die Hauptstadt beim helllichten Tag nicht bombardiert. Heute zum Beispiel ist es kurz vor halb fünf passiert. Es war immer noch dunkel, aber das Blitzlicht der detonierten Bomben hat das Zimmer rötlich erhellt. also, ich muss unbedingt ausgehen. Egal wohin. Ich stehe auf. „Bin bald wieder da“, rufe ich ins Nebenzimmer hinein und gehe hinaus. Die Kinder im Hof beachten mich gar nicht und streiten sich nun um ein kleines Fahrrad. Die Straße ist fast leer. Wenige Menschen mit ernsthaften, gespannten, bekümmerten, angstvollen oder auch völlig apathischen Gesichtern. Wie ich selbst aussehe, weiß ich natürlich nicht. Wer weiß, vielleicht haben wir alle in der Stadt nur ein einziges Gesamtgesicht und keine Eigenen mehr... Ich gehe weiter. An der Bushaltestelle stehen etwa zehn Menschen. Keiner spricht was. Ich bleibe stehen in der Hoffnung etwas von den Menschen und nicht im Radio oder Fernseher zu hören. Nein. Kein Wort fällt. Es kommt ein Bus, auch irgendwie ungewöhnlich still. Die Menschen steigen ein. Ich auch, obwohl ich gar keine Ahnung habe, wohin der Bus fährt. An der nächsten Haltestelle steigt eine Frau mit zwei prall gefüllten Einkauftaschen ein und setzt sich vor mir. Der Kraftfahrer guckt auf die Uhr und macht das Radio an. Wieder die Nachrichten. Immer Mehr Toten, Zerstörungen und Flüchtlinge. Dann höre ich: „…keine Telefonverbindung im Moment. Die GEOCELL1- Antenne wurde beschossen und ist außer Betrieb. Eine Gruppe der Spezialisten arbeitet schon dort und die Antenne wird bald wieder…“ Ich höre nicht mehr zu. Kann nicht. Es überläuft mich kalt: Swiad! Mein Freund ist bestimmt irgendwo dort in der Nähe. Er ist Chefingenieur bei dieser Mobiltelefongesellschaft und ist immer da, wenn die Antenne oder eine andere Anlage nicht funktioniert. Hastig ziehe ich mein Handy hervor und drücke auf 3 und dann auf die Gittertaste. Das ist die Kurzwahl. Der Ruf geht durch. Nach ein paar Sekunden oder eine Ewigkeit später bricht er ab. Ich zucke. Ein gutes Zeichen. Das macht mein Freund immer. Als Chefingenieur kann er frei telefonieren und schaltet immer ab, wenn er eine bekannte Nummer auf dem Display sieht und ruft immer sofort zurück. Auch diesmal. Trotz der schlechten Verbindung erkenne ich seine Stimme sofort. „Ja, hallo Tengo, wie geht es dir? Wo bist du?“ Gott! Er lebt also. Ich müsste mich eigentlich riesig freuen und wie immer zum Gesprächsanfang etwas Witziges sagen, aber jetzt geht es nicht. Ich kann es nicht, weil meine Kehle keinen Laut rauslassen will. Nach einer Weile höre ich seine besorgte Stimme: „Tengo, was ist denn, bist du noch da?“ Endlich mal kann ich herauspressen: „Swio! Junge, wo bist du? Ich habe eben…“ Ich breche ab. Die Kehle erlaubt mir nun keinen Laut mehr. Ich schweige und fühle, wie sprunghaft es mir ums Herz leichter wird. Swiad ist einer der besten Freunde von mir, wir sind fast Brüder. „Swio, pass auf dich auf… Wo ist deine Familie?“ „In Sicherheit“, antwortet er, „du weißt doch…“ Ja. Natürlich weiß ich es. Seine Frau hat in den Bergen ihr Elternhaus. Eine Fahrstunde von Tbilissi. Also, alles klar. Die Kinder sind vorläufig außer Gefahr. Auch sie leben noch. „Okay, Swio“, sage ich mühevoll, die Kehle brennt, im Nacken spüre ich die schon lange bekannten Schmerzen. „Pass auf dich auf, Swio! Grüß deine Lieben. Wir halten schon durch… Bis dann!“ Plötzlich spüre ich die Tränen in meinen Augen aufkommen. Ich will sie unterdrücken, aber es ist zu spät. Sie brechen sehr langsam aus und rollen die Wangen runter. Es sind Tränen der Freude und einer bisher völlig unbekannten Erleichterung zugleich. Die Frau vor mir sieht mich mitleidsvoll an. „Ist… ist was passiert?“ fragt sie mich fast flüsternd und dem Mitleid in ihrem Gesicht kommt auch die Angst hinzu. Ich schüttle den Kopf und wische mir beschämt mit den beiden Handrücken die Tränen. Woher kann sie wissen, was für Tränen es sind. „Nein. Nichts. Alles in Ordnung. Danke.“ Sie nickt nur und lächelt schwach. Ich versuche auch ein Lächeln zu zwingen und schäme mich nun für meine Tränen. Ich wusste bis jetzt wirklich nicht, ob ich meine Freunde so sehr liebe. Ich denke aber, zwischen mir und Swiad ist sicherlich noch etwas mehr als nur eine gewöhnliche Freundschaft. Ich bin ja neunzehn Jahre älter als er. Hat sich in mir völlig unbewusst und unabhängig von mir etwas Väterliches bewegt? Kann sein. Zumal seine Eltern merkwürdigerweise auch Tengis und Marina heißen. Darüber haben wir Beide bisher immer nur gelacht…

Der Bus hält irgendwo in der Stadt und ich steige aus. Die Straße ist hier nicht so menschenleer, wie vorhin. Ich blicke mich um und sehe erstaunt, dass ich etwa Hundert Schritte entfernt von einer Buchhandlung stehe, in der ich schon seit Jahren Stammkunde bin. Rein mechanisch begebe ich mich dorthin. Zuerst denke ich, dass sie geschlossen ist, weil auf den ersten Blick niemand drin zu sein scheint, aber ich gucke genauer hin und sehe, dass zwei Frauen am Ladentisch stehen. Ich gehe rein. Die Verkäuferinnen erkennen mich. Ihre trüben Gesichter erhellen sich. In ihrem Gruß klingen Erstaunen und auch eine sehr leise Hoffnung zugleich – der Stammkunde kommt wie üblich und will sich was Neues aussuchen. Also, das Leben scheint doch irgendwie weiter zu gehen und ich bin also ein Lebenszeichen im wahren Sinne des Wortes. Ich grüße sie fast fröhlich und zwinge mich zu einem Lächeln. Die zwei Frauen, die ich durch das Schaufenster gesehen habe, sind offensichtlich keine Kunden, sondern die Bekannten von Verkäuferinnen. Sie werfen einen raschen und erstaunten Blick auf mich und setzten dann ihr leises Gespräch fort. Ich sehe mir die Regale flüchtig an und verabschiede mich mit ein paar ermutigenden Worten von den vier Frauen. Doch bereits in der Tür höre ich die bis zum Schmerz bekannte kurze Musik. Die Verkäuferinnen haben einen kleinen Fernseher, den ich nicht beachtet hatte.



Dritter Tag

Die neusten Nachrichten im Fernseher. Schwarzbraune Rauchwolken über einer Stadt. Rettungswagen, der selbst schnellstens gerettet werden muss, weil er brennt. Verkohlte und abgestürzte Häuser und verkohlte Menschenkörper unter den brennenden Hausruinen. Im Prinzip immer wieder das Gleiche. Nur die Anzahl der Toten wächst und die Reihenfolge ist schneller. Nur der Takt ist derselbe – der Halbestundentakt. Ich gehe wieder aus.

In der Parallelstraße sehe ich viele Menschen vor dem Schulgebäude stehen und eile dorthin. Es sind Flüchtlinge, die in den Schulen und anderen frei stehenden Gebäuden untergebracht werden. Es ist Ferienzeit, die Schulen und Kindergärten stehen zum Glück noch leer. Es sind meistens Frauen, Kinder und ältere Leute. Hier und da auch junge Männer. Ich weiß nicht, warum ich nicht jemanden von ihnen anzusprechen wage. Ich höre nur hin. Der Schmerz, die Wut und das Ohnmachtgefühl wachsen jede Sekunde. Auch vor fünfzehn Jahren hatte ich das Gleiche empfunden, als ich die Flüchtlinge aus Abchasien am Hauptbahnhof zum ersten Mal sah. Ich höre gespannt hin. Was da alles erzählt wird, bietet ein endloses Material für einen Dokumentarhorrorfilm. Die so genannten ossetischen Volkswehrsoldaten, russische Kosaken und andere nordkaukasische Söldner oder „Freiwillige“ folgen den Russischen Truppen genauso, wie die Schakalen den größeren Raubtieren, Was sie dann in den von Russen besetzten Orten anstellen, übersteigt wohl jede krankhafte Fantasie. Morde auf die entsetzlichste Weise, Plünderungen, Vergewaltigungen. Nachdem die Häuser leer ausgeraubt sind, werden sie in den Brand gesetzt…



Vierter Tag

Weitere Meldungen in einem kleinen Kofferradio. Wir hören stumm zu. Wieder Bomben und zerstörte Orte. Im Unterschied zu den oben genannten Banditen plündern die Regulärtruppensoldaten „nur“ Kasernen, andere Militärobjekte und die Gebäude der örtlichen Administration in allen besetzten Orten. Hinzu kommen die Waldbrände durch die gezielt abgeworfenen Brandbomben. Unsere Wälder brennen und niemand kann die Brände löschen – die Russen erlauben unseren Feuerwehrhubschraubern keinen Einsatz. Menschenleere, völlig wehrlose Schiffe im westgeorgischen Seehafen Poti sind gesprengt und versenkt worden. Na ja, was kann man von einem Land noch erwarten, dass bis heute von einem KGB-Oberst regiert wird? Der so genannte amtierende Präsident ist nur eine Attrappe in seinen Händen.



Fünfter Tag

Der Fernseher läuft nun ohne Pause. Viele, sehr viele Flüchtlinge. Der Schmerz wächst sprunghaft, ist jetzt aber irgendwie anders. Er erfasst nicht nur mein Herz, sondern auch meine Haut, meine Augen, meine Ohren. Plötzlich weiß ich auch, warum – das ist der Akzent dieser Menschen. Irgendwann in meiner Kindheit habe auch ich mit diesem heute fast vergessenen Akzent gesprochen. Wie diese Leute im Fernseher. Alle kommen aus meiner Heimatregion. Meinen Heimatort besuche ich nach dem Tod meiner Eltern nur sehr selten. Ein oder zweimal im Jahr. Vor sechs Tagen war ich wieder mal dort. Zusammen mit meinem älteren Sohn. Als die ersten Bomben auf den Nachbarort fielen, beschloss ich sofort nach Tbilissi zu fahren. Bevor ich das Haus verließ, steckte ich ein paar alte Fotos aus unserem uralten Familienfotoalbum in meine Tasche hastig ein und machte dann noch ganz schnell zwei Fotos. Das Eine von unserem Haus, die grüne Hofpforte ist immer noch auf. Ich will sie schließen, aber im letzten Augenblick überlege ich es mir anders. Ich laufe schnell wieder in den Hof zurück und mache ein zweites Foto. Das zweite Foto zeigt das, was wir Georgier fast wie ein Heiligtum hegen und pflegen – die Weinreben in unserem kleinen Garten. Gepflanzt von meinem Vater, damals war ich acht oder zehn Jahre alt. Zuerst streichelte ich irgendwie beschämt und ungeschickt die immer noch unreifen grünen Weintrauben und dann fotografierte ich sie. Mein Sohn sah nur stumm zu. Ich habe ihn auch nicht gefragt, was er dabei dachte. Zwei Stunden nach unserer Abfahrt wurden die umliegenden Orte bombardiert. Wir sind im Moment in Tbilissi und die Russen nur sechzig Kilometer weit von hier. Laut den Nachrichten planen sie keinen Sturm auf die Hauptstadt. Noch nicht. Sie rühren sich nicht und ich komme mir vor, als säße ich in einem halbdunklen Zimmer, in dem eine riesengroße Giftschlange mehrere Menschen bereits tot gestochen hat und nun zusammengerollt und reglos unentwegt auf mich blickt. Sie rührt sich nicht. Ich weiß nicht, was sie in der nächsten Sekunde machen kann oder will. Ich warte. Aber nicht mehr im Halbestundentakt. Irgendwo draußen beraten ruhig irgendwelche Menschen, wie oder ob sie mich retten können...



Sechster Tag

Draußen, also Im Westen immer wieder nichts Neues. Oder doch – irgendwo in einer anderen Welt namens EU, und zwar in ihrer Hauptstadt Brüssel „…wird über die ernsthafte Lage in Georgien beraten. Die Regierungen bringen ihre tiefe Besorgnis zum Ausdruck und hoffen….“. Ja, sie hoffen. Wir aber praktisch nicht mehr. „… Anfang September wird der Rat die Ergebnisse der erzielten Vereinbarung erneut besprechen…“ Mein Gott! Anfang September! Wenn ich jetzt lachen könnte, würde ich mich bestimmt totlachen. Anfang September! Wo jede Minute zählt. Oder jede halbe Stunde.



Siebter Tag

Bin zu Hause. Die Nachrichten im Fernseher. Es kommen immer mehr Staatsoberhäupter nach Georgien. So viele Präsidenten zusammen hat hier noch niemand gesehen. Mit ihnen kommt die Hoffnung und geht wieder zurück, wenn sie gehen. Ich habe den Eindruck, dass alle diese Menschen immer noch Illusionen haben, dass man mit Russen wie mit einem zivilisierten Partner sprechen und verhandeln kann. Das ist ein großer und auch gefährlicher Irrtum. Die Russen respektieren nur die Stärke, mehr nichts. Man denke an Ronald Reagan und Margaret Tatcher! Hat der Westen wirklich so ein kurzes Gedächtnis? Glaube ich nicht. Vielleicht wissen alle diese besorgten Präsidenten viel mehr als ich, aber… Na ja, die Diplomatie hat ihre Gesetze und Regel. Doch den Russen ist all diese westliche Diplomatie egal…



Achter Tag

Das Einzige, was diese Besuche bisher gebracht haben, ist, dass alle diese westlichen Politiker endlich mal genau wissen, dass nicht wir diesen Krieg angefangen haben. wie die russische Propaganda und die von Russen gekauften westlichen Journalisten unermüdlich behaupten. Endlich mal wissen sie, dass wir keine Vollidioten oder Selbstmörder sind – niemand außer Vollidioten oder lebensmüden Selbstmördern würde so was irgendwann wagen.

Das zweite Ergebnis dieser Besuche ist, dass man uns jetzt helfen will. Eine schwache Hoffnung glimmt langsam auf, aber die durch den französischen Präsidenten mühsam erzielte so genannte Vereinbarung ist den Russen völlig wurst. Die Okkupation breitet sich landesweit aus und die Grausamkeiten in den okkupierten Gebieten gehen weiter. Die Meldungen sind derart herzzerreißend, dass man sie nicht mehr hören kann. Aber sie kommen immer wieder. Im Halbestundentakt. Die wahre und wirksame Hilfe kommt immer noch nicht. Wir erwarten natürlich keine Militärhilfe vom Westen, wie Kosovo in 1998. Das wissen wir. Aber der Westen hat auch viele andere Druckmittel, die nicht minder effektvoll wären, als eine direkte Militärhilfe. Man muss nur den echten politischen und menschlichen Willen haben. Nur in „einem anderen Westen“ – in den USA bewegt sich etwas. Es sind allerdings nur noch strenge Stellungnahmen seitens des US-Präsidenten und seiner Staatssekretärin. Hoffentlich bringt das doch etwas. Bisher ist das einzige und reale Ergebnis die humanitäre Hilfe aus vielen Ländern. Es landen Flugzeuge in unserem Flughafen, der noch funktioniert. Es sind allerdings nur Sonderflüge. Die ausländischen Fluggesellschaften haben ihre Flüge „bis auf Weiteres“ eingestellt. Aber nicht nur die Luftwege sind paralysiert. Die Verbindungsstraße – unsere Lebensarterie – zwischen Ost- und Westgeorgien ist blockiert. „Sicherheitshalber“ haben sie auch die Eisenbahnbrücke in die Luft gesprengt. Wie im August 1961, haben die Russen im August 2008 ein Land in Ost und West geteilt. Der Unterschied jedoch ist, dass jetzt in den beiden Teilen des Landes nur die Russen stehen. Tausende Menschen machten ihren Urlaub in Westgeorgien am Schwarzen Meer. Sie können nicht mehr zurück fahren. Es besteht nur (wenn überhaupt) die telefonische Verbindung zwischen uns und ihnen. Auch meine Nichte, Kunststudentin, kaum achtzehn, machte ihren ersten Urlaub ohne Eltern dort. Meine Schwester ist verzweifelt. Nun sind auch wir „Ossis“ und „Wessis.“ Wie lange? Auch 28 Jahre? Das weiß ich nicht. Was meint der Westen dazu?



Neunter Tag

Die Russen okkupieren nun die immer noch unbesetzten Teile des Landes. Plünderungen und andere Grausamkeiten gehen weiter. Niemand von uns kann etwas dagegen machen. Jeder kleinste Widerstand oder gar ein vager Widerspruch ist todesgefährlich.



Zehnter Tag

Wir leben immer noch im Halbestundentakt. Es sind mittlerweile fast fünfhundert halbe Stunden verstrichen und wir haben keine Ahnung, wie viele wir noch überstehen müssen. Vielleicht weiß der Westen mehr?



Zum Autor:

Tengis Chachapuridse ist Schriftsteller und Übersetzer. Autor von Prosawerken (der Roman /Rettungsringe/ (in deutscher Sprache), 2007, sowie Erzählungen. Drei österreichische Literaturprämien, Aufenthalts-und Forschungsstipendien in Österreich und Deutschland, mehrere Förderungen. Er lebt und arbeitet in der georgischen Hauptstadt Tbilissi.

Quelle: IBK, 20.08.2008
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Ermächtigte Übersetzerin für die georgische Sprache
Allgemein beeidigte Dolmetscherin für die georgische Sprache des Landes NRW
Georgische Übersetzungen und Georgisch Dolmetschen bei Georgisch.com - Irma Berscheid-Kimeridze
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