Georgien Nachrichten
November 2017
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Georgien ist kein kriminelles Land!
Wie ein Lauffeuer verbreiten sich seit einigen Tagen die Nachrichten über Georgien in der deutschen Presse, dass einzelne Fraktionsvertreter im Bundestag, sowie einige deutsche Innenpolitikexperten wie Armin Schuster vor der Visa-Freiheit für Georgien warnen. Der Grund sei die deutlich angestiegene Kriminalität seitens der georgischen Staatsbürger und Missbrauch des Asylrechts, dergestalt dass der Zeitraum für die Bearbeitung der Asylanträge häufig für organisierte Verbrechen genutzt wird. Überschriften wie „Visa-Freiheit: Regierung fürchtet georgische Diebesbanden“ (DIE WELT) oder „Zu kriminell | Union lehnt Visa-Freiheit für Georgier ab“ (BILD) werden in den sozialen Netzwerken im Sekundentakt geteilt.
Die Niederrheingruppe und was sie mit Georgien zu tun hat
Vor wenigen Wochen ist die Niederrheingruppe erschienen, der jüngste Kriminalroman von Thomas Berscheid, der jahrelang die Nachrichten auf dieser Webseite geschrieben hat. Die Niederrheingruppe spielt fast ausschließlich im Kreis Viersen und hat einen kleinen Abstecher nach Köln. In Georgien spielt die Handlung nicht. Und dennoch sind viele Erfahrungen aus dem Nachrichten über Georgien der letzten Jahre in diesen Kriminalroman mit eingeflossen.
Iwanischwili reist nach Brüssel
Der georgische Premierminister Bidsina Iwanischwili ist zu einem Besuch nach Brüssel gereist. Dies ist sein erster Auslandsbesuch nach dem Machtwechsel durch demokratische Wahlen in Georgien.
Metro soll auch bestreikt werden
Die Gewerkschaft der Beschäftigten der Metro in Tbilissi hat angekündigt, in den Streik treten zu wollen. Damit wollen die Beschäftigten der Metro den Streik der Busfahrer unterstützen. Diese waren Mitte der Woche in den Streik getreten. Sie verlangen u. a. eine Gehaltserhöhung und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Treffen mit Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe und der Stadtverwaltung am Sonntag war ergebnislos verlaufen, die Fahrer verlangen den Rücktritt der beiden verantwortlichen Personen.
Sammlung von Unterschriften für Rücktritt von Saakaschwili hat begonnen
Die Organisation Einheit für Rechte in Georgien hat mit der Sammlung von Unterschriften für einen Rücktritt des Präsidenten Saakaschwili begonnen. Dies teilte die georgische Nachrichtenagentur Interpressnews mit.
Kalandadse und Schamatawa von Gericht ihrer Ämter enthoben
Der Leiter des georgischen Generalstabs, Giorgi Kalandadse, und der Kommandant der vierten Brigade der Streitkräfte, Surab Schamatawa, sind ihrer Ämter enthoben worden. Eine entsprechende Entscheidung fällte der Gerichtshof in Tbilissi auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft am Sonntag.
Die Osseten als Gewinner im Kaukasus?
Karte von Schida Kartli (Quelle: (Quelle: Wikipadia))
Die russische Armee hält weiter die georgische Stadt Achalgori besetzt, die ca. 5O km von Tbilissi liegt und einheitlich von Georgiern bewohnt wird. Die noch dort gebliebenen Bewohner bekommen russische Pässe ausgeteilt, wer das nicht will, kann und muss den Ort verlassen. (1)

Der Spieß wurde umgedreht: statt die abtrünnige Provinz zurückzuerobern, fürchtet Georgien nun den Verlust weiterer georgischer Orte. Die Angst vor Russland und vor seiner Unberechenbarkeit macht sich breit in der Bevölkerung: viele fürchten Russlands zweiten Angriff: die Situation sei ähnlich wie im Februar 1921, als das Sowjetische Russland die damalige junge demokratische Republik Georgien angegriffen und annektiert hatte. Damals wurde der georgische Staat „systematisch zerschlagen“. (2) und wurde gezwungen, einige Grenzgebiete an seine Nachbarn abzutreten. Außerdem wurde auf seinem Boden ein Autonomer Oblast (Südossetien) und 2 autonome Sozialistische Republiken eingerichtet, die ab Dezember 1922 neben Rest-Georgien ein Teil von der Transkaukasischen Föderativen Sozialistischen Sowjetrepublik wurden. Es kam zwischen 1921 und 1924 zu Aufständen gegen die sowjetische Besatzung. Besonders bekannt ist der August-Aufstand vom 28 August 1924, der von der damaligen Sowjetischen Regierung - an der Spitze Stalin - brutal niedergeschlagen wurde. Insgesamt wurden in den Jahren 1921-1924 über 30 000 Georgier (meist Intellektuelle, Politiker und Grundbesitzer) Opfer der damaligen Repressionen und Straflager.

Nach der „guten Führung“ in einer Probezeit von 15 Jahren wurde Georgien eine formell eigenständige Republik in dem Sowjetischen Bund und durfte die auf seinem Boden errichteten Autonomien wieder in sich eingliedern.

Nun, als diese „gute Führung“ am 31 März 1991 mit der Unabhängigkeitserklärung endete, stand der nochmals neu gegründete Staat vor gewaltigen Problemen: es gab kein Geld – der sowjetische Rubel wurde annulliert und alle Guthaben, die die Bevölkerung hatte, gingen ohne irgendwelche Ersatzansprüche verloren; es gab auf einmal keinen Strom mehr aus Russland und das alles wurde begleitet durch gewaltige Spannungen in zwei Autonomien: Osseten und Abchasen drohten mit Sezessionsabsichten.

In diesem Chaos, das das ganze Land beherrschte, waren die Reaktionen von allen Seiten sehr emotional. Da Georgien immer ein multiethnisches Land gewesen ist, wo immer verschiedene Nationen nebeneinander friedlich wohnten (was die im alten Tbilissi seit Jahrhunderten fast nebeneinander stehenden Kirchen, Moschee und Synagoge bezeugen), so waren für die georgische Bevölkerung die Töne unverständlich, die aus der obersten Spitze der Autonomien kamen. Die Darstellung von Georgien als eine koloniale Macht, die ihre Minderheiten ungerecht behandelt, tat und tut weh. Das Land wo u. a. die Juden, Kurden, Armenier, Inguschen seit langen Jahrhunderten lebten, ohne ihre eigene Identität verstecken zu müssen, war mit Vorwürfen konfrontiert, andere Nationalitäten „georgisieren“ zu wollen. Diese Welt verstanden die Georgier nicht und dementsprechend war die Reaktion: betroffen und zutiefst verletzt. Ähnliche Vorwürfe gegenüber Georgien hört man hier im deutschsprachigen Raum, was von den Georgiern als ein Ausdruck eines gegen das Land angezettelten Informationskrieges verstanden wird.

Die Fragen: was die Georgier von den Osseten wollen, warum sie den Osseten ihr „eigenes Land“ nicht überlassen können, oder wirtschaftlich hätte „Südossetien wenig zu bieten…. Warum also wegen einer solchen Region Krieg führen?“ (3) bedeuten, dass man aufgrund der sehr widersprüchlichen Information nicht nur seine eigene Meinung über das Konfliktgeschehen bilden kann, sondern sogar ein eigenes Geschichtsbild über die Region kreiert. Einer der Gründe kann unser hektisches Zeitalter sein, wo immer wenig Zeit für gründliche Recherche bleibt. Leider sind die im Folgenden aufgelisteten Sätze keine Seltenheiten, die einerseits zur Irritation beitragen und anderseits durch Präsentieren der zweifelhaften, mit Redefreiheit bemäntelten Recherchen gerade nicht für gute Qualität mancher Redaktionen sprechen:

„Ossetien wurde im 19. und 20. Jahrhundert mehrfach zwischen Russland und Georgien aufgeteilt“. (4)

„Doch die Georgier sind keineswegs nur Opfer russischer Kolonialpolitik. Auch sie fügten den Minderheiten auf ihrem Territorium Leid zu. Den Anspruch auf die Integrität ihres Territoriums führen sie letztlich auf das "Goldene Zeitalter" vom 11. bis zum 13. Jahrhundert zurück, als Georgien vereint war und nicht unter Fremdherrschaft stand oder in Fürstentümer zerfallen war“. (4)

Georgien verdankt seine Existenz Stalin

Diese Sätze sind sogar harmlos im Vergleich mit einem Gastbeitrag der Ria Novosti, den der in Berlin lebende russisch-orthodoxe Priester und deutsche Filmproduzent namens André Sikojev geschrieben hat. Man wundert sich nicht über Ria Novosti´s Einseitigkeit, aber dieser Beitrag geht über alle Grenzen hinaus: verdrehte Fakten, falsche Zahlen, übertriebene zweifelhafte Darstellungen, ein belehrender Ton dazu: „Die Einheit Süd- und Nordossetiens ist so organisch wie die deutsche Einheit! Diese dem Volk abzusprechen erinnert an die Argumente der deutschen extremen Linken in der Bundesrepublik der 70er Jahre!“ (5)

Die Geschichte des Kaukasus steht im Großen und Ganzen schon fest und bedarf keiner Neuschreibung, weder von Journalisten noch von irgendwelchen „Geistlichen“. Natürlich gibt es Ereignisse, die von den unterschiedlichen Seiten auch unterschiedlich interpretiert werden, gemäß der eigenen Interessen. Aber es gibt Fakten, die schon festgehalten sind und sich nicht durch Propaganda und Willkür verändern lassen. Leider gibt es im deutschsprachigen Raum sehr wenige Möglichkeiten für interessierte Leser, gründliche, mit Quellen belegte Information zu bekommen. Die Komplexität der Geschichte des Kaukasus spielt dabei eine große Rolle. Ziel dieses Artikels ist, einen Teil dieser Komplexität möglichst zu vereinfachen und auf einige im deutschen Sprachraum gestellten Fragen einzugehen. Als Quellen wurden je nach Möglichkeit digitale Quellen bevorzugt, um den Leser zur eigenen Recherche zu ermutigen.

Frage 1. Warum ist die Region Südossetien für Georgien so wichtig?

Die Wichtigkeit ist bedingt durch die Lage und die Geschichte der Region. Das heutige Südossetien (Java und Tskinvali (Zchinwali) liegt überwiegend auf dem Gebiet der georgischen Region Schida Kartli (dt. „Inneres Kartli“). „Es umfasst eine Fläche von 3.885 Quadratkilometern. Das südlich des Kaukasus-Hauptkamms gelegene, gebirgige Land liegt auf einer Höhe von 1.000 bis 4.000 Metern über dem Meeresspiegel“. (6)

Kartli ist immer eine Ur- und Kernregion Georgiens gewesen, nicht nur die Bezeichnung – Inneres Kartli, sondern auch ein Blick au die Karte macht deutlich, dass das jetzige Südossetien ein Herzstück vom Kernland ist und nicht eine Grenzregion, die leicht abzutreten wäre. Nur dank des im Jahr 1985 von Sowjets gebauten Roki-Tunnels gab es eine enge Verbindung zwischen Nordosseten und Südosseten. Gori und Zchinvali sind ca. 25 Kilometer voneinander entfernt und Gori ist von Tbilissi 50 km entfernt. Dass die Russen im jetzigen Südossetien Militärbasen errichten, also sich im Herzstück des Landes vor der Nase der Zentralregierung einnisten, muss für Tbilissi (und für jede Regierung der Welt!) eine Horrorvorstellung sein und wie ein Okkupationsversuch wirken. Solche Präzedenzbeispiele gibt es in der heutigen Welt kaum, selbst der oft erwähnte Kosovo ist ja von Belgrad viel weiter entfernt.

Es gibt aber kritische Stimmen, die das Selbstbestimmungsrecht einer Volksgruppe (Osseten) der Souveränität und Integrität Georgiens vorziehen und diese Volksgruppe „leidend geteilt zwischen zwei Staaten“ endlich zusammen glücklich vereint sehen wollen. Na gut, viele Länder haben Minderheiten, die seit einer Ewigkeit im Land beheimatet sind oder irgendwann neu dazukamen, besonders die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war von zwischenstaatlichen großen Völkerbewegungen geprägt u. a: in Irland, Deutschland, Frankreich. Man sieht, dass die Eingewanderten sich in den meisten Fällen nicht sehr anpassen wollen, sondern auf ihrer eigenen kulturellen Identität bestehen. Wenn dazu noch eine hohe Geburtsrate kommt, wäre es theoretisch denkbar (besonders wenn es im Interesse einer Außenmacht wäre), dass sie nach ca. 100 Jahren (oder sogar früher) auf eigene Autonomie und sogar auf einer eigenen Republik bestehen. Diese Vorstellung ist keineswegs unrealistisch, wenn die Weltpolitik ständig Präzedenzfälle schafft, wie Kosovo und Albanien, Südossetien und Nordossetien. Den Namen „Südossetien“ gibt es seit 86 Jahren und aufgrund dieses Namens werden Ansprüche geschaffen, die ohne diese Namensgebung nicht möglich wären. Kein Wunder, dass Griechenland sich vehement gegen die Bezeichnung „Mazedonien“ wehrt.

Frage 2: Wann ist der Name „Südossetien“ entstanden und seit wann bevölkern die Osseten das Innere Kartli?

Die Osseten sind Nachfahren von iranisch stämmigen Alanen, die im Mittelalter im Nordkaukasus zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert ihre Blütezeit gehabt hatten, bis die Mongolen sie im Zeitraum 1238-39 zerschlagen und in die hohen Berge des Nordkaukasus zurückgedrängt hatten. Ursprünglich bewohnten die Alanen den südlichen Teil des Flusses Don, bis sie in den Nordkaukasus eingewandert sind. (7)

Die Wörter "ossetisch" und "Osseten" gehen auf ein georgisches Wort zurück. Dieses setzt sich aus "Oss", was Osseten bedeutet und "-eti", was als Endung einfach nur "Land" bedeutet, "Oss-eti" heißt also "Land der Ossen". (8)

Damit war stets das jetzige Nord Ossetien-Alanien (Nordossetien) gemeint. Die nördlichen Gebirgsteile des Südkaukasus bevölkerten die Osseten ab dem 18. Jahrhundert. Diese Region hatte damals auch einen anderen Namen: Fürstentum Samatschablo, denn sie gehörte zu dieser Adelsfamilie. Das Museum eines bekannten Mitglieds dieser Familie, Iwane Matschabeli in seinem immer von Georgiern besiedelten Heimatsdorf Tamarascheni (nahe Zchinwali) wurde am 23. Juli 1997 von ossetischen Separatisten zerstört. (9)

Der bekannte georgische Schriftsteller Alexandre Kasbegi (1848-1890), der 7 Jahre in den Bergen Chevi (Kasbegi - Stepanzminda. S. Karte) als Hirte verbracht hatte, beschreibt in seinen Werken das dauerhaft kriegerische Verhältnis zwischen der Bevölkerung Chevi mit den in den Bergen wohnenden Osseten. Dieser Prozess, als die Osseten anfingen aus den Bergen herunterzukommen, um bei den georgischen Fürsten zu dienen, wurde von der georgischen Literatur umfassend beschrieben. Ein bekannter Schriftsteller, Michael Dschawachischwili hat dies in seinem bekannten Schriftstück „Dschakos Chisnebi“ so kunstvoll festgehalten, dass daraus sogar ein Film und ein Theaterstück entstanden sind.

Die heute oft erwähnte Hauptstadt von Südossetien Zchinwali (auf georgisch bedeutet das Wort: „Land der Hainbuchen“), ist eine alte georgische Stadt (10). Sie wird schon 1398 schriftlich erwähnt. Die alten Kulturdenkmale, u. a. Zminda (Sankt) Giorgis Kirche aus dem 9. Jh. und die alte Festung Sabazminda (Heiliger Saba) bezeugen das alte georgische Kulturerbe. Viele dieser Kulturdenkmale wurden leider während des Krieges zerstört. Ein zweifaches Ärgernis für die georgische Seite: Verlust des Kulturerbes einerseits, anderseits werden diese Kulturdenkmale von der russischen und südossetischen Seiten als Kulturgut des ossetischen Volkes proklamiert, die durch die „barbarischen“ Georgier zerstört worden seien. Nach den Kriegsgeschehnissen im August 2008 wird Zchinwali von der russischen Seite „Zchinwal“ genannt, also ohne „i“, Moskaus Botschaft an die Welt sei damit unmissverständlich: „Diese Stadt ist nicht mehr auf die georgische Weise zu nennen“. (23)

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren in Zchinwali kaum ossetische Familien anzutreffen. Die Osseten wohnten konzentriert überwiegend im höheren Gebirge, im nördlichen Teil des jetzigen Südossetien. Erst im Jahr 1842, 41 Jahre nachdem Russland Georgien 1801 annektiert und den König Kartli-Kachetis entthront hatte, wurde eine russische Verwaltungseinheit/ Okrug (Kreis) Ossetien gegründet. Neben der Politik: teile und herrsche, war Russlands Verhältnis zu den Osseten ein besonderes, warum? (S. Frage 4)

Am 26. Mai 1918 erklärte sich Georgien als Demokratische Republik Georgien für unabhängig. Okrug Ossetien wurde ein Teil von Georgien. Es gab jedoch Unruhen zwischen den prorussisch und bolschewistisch eingestellten Osseten und der menschewistischen Regierung in Tbilissi. Die Aufstände von Osseten, die sich nicht nur gegen die Unabhängigkeit Georgiens, sondern auch gegen die benachbarte Bevölkerung richteten, wurden durch militärische Intervention der georgischen Volksgarde zum Stillstand gebracht.

Trotz der Tatsache, dass Sowjetrussland neben anderen Staaten wie Deutschland, Türkei, Argentinien und Großbritannien Georgien am 7. Mai 1920 völkerrechtlich anerkannten und das Land am 27. Januar 1921 Mitglied des Völkerbundes wurde, marschierte am 11. Februar 1921 die 11. Division der Roten Armee in Georgien ein. Tiflis wurde am 25. Februar von drei Seiten angegriffen und trotz heftigen Widerstands der demokratischen Volksgarde besetzt. Da kämpften die Osseten auf Seite der Bolschewiken und nach dem Sieg wurden sie auch gut belohnt: der 22. April 1922 ist die Geburtsstunde Südossetiens. Die Grenzen, die damals gezogen wurden, waren willkürlich, denn zu diesem autonomen Gebiet kamen auch rein georgische Dörfer, vermutlich mit dem Ziel, das Autonomiegebiet möglichst zu vergrößern. Als Hauptstadt wurde eine alte georgische Stadt Zchinwali ernannt, dessen damalige Statistik wie folgt aussah: 1436 Georgier, 1636 Juden, 765 Armenier und 613 Osseten. (11) Nach dieser Zeit fängt die Expansion der Osseten. 1989 waren 74 % der Einwohner Osseten, 16 % Georgier und 9 % gehörten anderen Volksgruppen an. (12)

Tatsache ist also, dass das ossetische Volk nicht aufgeteilt wurde, sondern es genoss das Privileg, frei zu expandieren und auf Kosten des Nachbarvolkes eine zweite Autonomie – neben Nord-Ossetien - zu bekommen; damit verfolgte das sowjetische Russland zwei Ziele: Schaffung von Hindernissen für etwaige Unabhängigkeitsbestrebungen der Georgier, sowie Belohnung der treuen Untertanen, deren Dienste sie wahrscheinlich irgendwann gebrauchen könnten.

Also gehörte Schida Kartli nie zu den alten georgischen Provinzen, die Georgien in seiner goldenen Ära besaß und nach und nach an die Nachbarländer verlor. Hingegen war diese Region nie strittig, bis das Problem vom zaristischen Russland künstlich geschaffen und vom sowjetischen Russland weiter aufrechterhalten und angeheizt wurde.

„Wir haben den ersten Schritt zur Wiedervereinigung von Süd- und Nordossetien gemacht,“ erklärte Eduard Kokoity, Präsident der nicht anerkannten Republik Südossetien am Tag nach der zweifachen Abstimmung in Zchinwali im November 2006. Ein Slogan in den Straßen Zchinwalis war vermutlich an die Nordosseten gerichtet: „Lasst uns Groß-Alanien aufbauen“ (13). In dem Erfolgsrausch will man gar nicht wahrhaben, dass Alanien sich ausschließlich im Nordkaukaus befand. Da die Geschichte der Schaffung des jetzigen Südossetiens so frisch ist, dass im Verlauf von nur zwei Generationen ein Herzstück des Landes durch List und Trick entwendet, entfremdet und entheimatet wird, stellt eine große Tragödie in der modernen Geschichte Georgiens dar. Und diese Geschichte wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Mentalität der Georgier nachhaltig prägen, denn im modernen Zeitalter findet man nach wie vor die Willkür, die Unverfrorenheit einerseits und eine Hilflosigkeit anderseits. Hilflos bei der Lösung der Probleme Georgiens mit den abtrünnigen Provinzen zeigt der Westen mit seiner großzügigen Hilfe für Georgien einerseits eigene Interessen für die Energieversorgung, anderseits aber vermutlich ein schlechtes Gewissen Georgien gegenüber. Die eigene Hilflosigkeit versucht man durch Kritik an der jungen georgischen Regierung zu bemänteln. Sicher macht sie Fehler, und Saakaschwili muss schon einiges ändern, um Georgiens junge unreife Demokratie den westlichen Vorbildern anzunähern. Aber wäre Europa stark genug – so denken viele Georgier – so wäre es zum jetzigen Krieg nicht gekommen…

Frage 3: Was verdankt Georgien Stalin?

Seinen Untergang – sagen georgische Historiker und Kenner der Geschichte. Ohne Stalin und Sergo Ordschonikidze wäre Georgiens Eroberung im Jahr 1921 durch Russland vielleicht gar nicht möglich gewesen. Außerdem hat das Land ca. 50 000 Opfer durch die Repressionen in Stalins Ära zu beklagen. (2)

Erstaunlicherweise ist im Westen auch ein Mythos über Stalins progeorgische Einstellung sehr verbreitet! Er selbst aber schrieb über sich, dass er ein Russe sei, hatte auch ossetische Wurzeln, widmete sein Leben Russlands Aufstieg und Grenzerweiterung und verschaffte den Osseten die Südossetische Autonomie. Nicht zufällig hieß Zchinwali von 1934 bis 1961 nach Stalin – Staliniri, und Nordossetien bekam nach dem Ende des 2. Weltkriegs das Progorodny Payon (ursprünglich Inguscheti zugehöriges Gebiet) geschenkt, das fast 1/3 seines jetzigen Territoriums ausmacht.

Es wurde viel über Stalins Abstammung geschrieben, die für viele wichtige Frage aber, ob er ethnisch Georgier, halb oder ganz Ossete war, scheint noch nicht endgültig geklärt zu sein. (14)

Frage 4: Worauf beruht die russisch-ossetische Freundschaft?

Im Jahr 1770 betraten die Russen erstmals das kaukasische Gebiet. Im 19. Jahrhundert gelang es dem Russischen Reich in einem über sechzigjährigen Krieg gegen die Bergbewohner, den nördlichen Kaukasus zu erobern. Legendär ist der Widerstand unter Führung des Imam Schamil in den Jahren 1827-1859. (15, 16)

Die Einteilung der Kaukasischen Bergvölker in “zuverlässig“ und „unzuverlässig“ fängt also schon in dieser Zeit an - und, wie die Geschichte später zeigt, wird von der sowjetischen Regierung weiter fortgesetzt. (17)

Da der Kaukasus schon immer dicht bevölkert war, gab es ständige Unruhen und Kämpfe mit Nachbarn - der Kampf um Einflussgebiete war der Grund der ununterbrochenen Feindseligkeiten zwischen den Bergvölkern im Kaukasus. Auch Übergriffe von außen, wie die der Mongolen im 13. Jahrhundert, später der Tataren und Osmanen spielte eine Rolle in der Tatsache, dass die Osseten, zurückgedrängt in die hohen Bergen in ihren bis jetzt erhaltenen Verteidigungs- und Wohntürmen, in Russland, das in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Kaukasus als ein neuer Eroberer auftrat, eine Zukunftschance für sich sahen. Sie ließen Russland durch ihre Abgesandten wissen, dass sie sich gerne Russland unterordnen und sogar im Kampf gegen den Widerstand anderer kaukasischer Völker helfen würden, im Gegenzug wollten sie die Erlaubnis erhalten, aus den Bergen, wo sie in großen Familienclanen in Festungen unter schwierigen Verhältnissen lebten, herunterzukommen und sich in den fruchtbaren Gebieten niederzulassen. Eine Hand wäscht die andere, und so kam es, dass die Osseten dem Russischen Imperium im Jahr 1774 als einziges aller im Kaukasus lebender Völker freiwillig beigetreten sind. Als Belohnung dafür, dass sie das einzige russlandfreundliche Volk im Kaukasus waren, bekamen sie, was sie wollten: Das Land und die besondere Stellung, die es ihnen erlaubte, ihre Wohngebietsgrenzen zu vergrößern. Die Leidtragenden in dieser Expansionsgeschichte waren und sind die Inguschen - ein autochthones kaukasisches Volk, das für seinen Kampfgeist und seine Unnachgiebigkeit berühmt war. Selbst die jetzige Hauptstadt der Osseten - Wladikawkas (russisch Владикавказ, übersetzt: „Beherrsche den Kaukasus“) wurde auf dem Gebiet eines Inguschendorfes, Zaur, gebaut. (18) Wladikawkas war die erste Festung, die die Russen im Jahr 1784 erbauten, um sie beim Kampf gegen die kriegerischen Bergstämme des Kaukasus als Stützpunkt und Militärbasis zu nutzen. Dazu konnten sie einen Verbündeten gut gebrauchen und dieser war da, er musste nicht einmal mühsam gewonnen werden. Da sich der Kaukasus nur sehr schwer erobern ließ, kann man behaupten, dass die Russen sogar auf die ossetische Hilfsbereitschaft angewiesen waren. Diese Kooperation, die für beide Seiten gute Früchte brachte, wurde dann in der sowjetischen Zeit weiter fortgesetzt.

Der Name Inguscheti leitet sich von einem uralten Dorf Onguscht ab (hinzu kommt die georgische Endung –eti). Das Dorf Onguscht bekam 1859 einen neuen russischen Namen Tarskaya und gehört von 1944 bis jetzt zu Nordossetien. Die Eroberung des Landes Inguscheti wurde Mitte des 19. Jahrhundert von Russen und Osseten erfolgreich vollzogen: So berichtete der russische General Erdokimov und der ossetische Oberst Kundukhov in „Opis No 436“, dass das Ergebnis der Kolonisation des Landes der Inguschen erfolgreich gewesen sei (18): unzählige Dörfer wurden vernichtet und umbenannt, viele Menschen starben und es gab entsprechend viel Freiraum für die ossetischen Neusiedler. Im Jahr 1865 wurden viele Inguschen und Tschetschenen in die Türkei und den Mittleren Osten deportiert mit der Begründung des russischen Zaren: Muslime sollen unter Muslimen leben. Dieses hatte verheerende Folgen für den Volksbestand. Geschätzte 80% Inguschen verließen ihr Land, um Platz für die zarentreuen Osseten und Kosaken zu machen.

Die Geschichte prägt auch das Volksgedächtnis: diese traurige Geschichte für die eine Seite war eine Erfolgsstory für die andere. Diese Rollen wiederholten sich nochmals während des zweiten Weltkrieges. Als die (übriggebliebenen) Inguschen und Tschetschenen im Jahr 1944 wegen angeblicher Kollaboration mit Nazi-Deutschland unter zahllosen Opfern nach Sibirien und Kasachstan verbannt wurden, haben die Osseten das frei gewordene Territorium bevölkert und sogar einen großen Teil des Landes, nämlich das Prigorodny Rayon – Gebiet, ihrem Land Nordossetien angeschlossen. Als die Inguschen 1957 nach 13 Jahren rehabilitiert wurden und zurückkehren durften, begegneten sie der Feindseligkeit der in ihren Häuser wohnenden Osseten. Man weigerte sich, ihre Eigentumsrechte anzuerkennen. Sogar ihre Friedhöfe – für Inguschen heilige Orte - wurden in diesen 13 Jahren(!) zerstört und die Gedenksteine für den Zweck von Neubauten verwendet (17). Im besten Fall konnten sie ihre eigenen Häuser von Russen oder Osseten zurückkaufen.

Eine friedliche Demonstration von Inguschen für die Regelung der Progorodny –Frage in Grosny am 16.01.1973 wurde von sowjetischen Truppen gewaltsam aufgelöst. Dieses Problem begleitet die Beziehung zwischen Osseten und Inguschen bis heute und bestimmte die Politik der Inguschen im Jahr 1991: als 1991 die Tschetschenen ihre Unabhängigkeit deklariert hatten, beschlossen die Inguschen, ihnen nicht zu folgen in der Hoffnung, Russland würde ihre Treue belohnen und das Prigorodny-Gebiet zurückgeben. Sie schlossen sich der neugegründeten Russischen Föderation an. (18)

Leider bewahrte dieser Schritt sie nicht davor, bei einer Auseinandersetzung mit Osseten im Oktober-November 1992, von deren Milizen und mit der aktiven Hilfe der russischen Einheiten aus dem Prigorodny Rayon-Gebiet gewaltsam vertrieben zu werden. Die Zahl der Vertriebenen, 60.000, entspricht fast der Zahl der Bevölkerung in der von Georgien abtrünnigen Provinz Südossetien. Diese Vertreibung wurde von Menschenrechtsorganisationen als ethnische Säuberung eingestuft, deren Grausamkeiten gut dokumentiert sind. Die traurige Bilanz am Ende sah wie folgt aus: (19)

Auf Seite der Osseten - 52 Tote -(verwundet keine bekannt), 9.000 ossetische Flüchtlinge

Auf Seite der Inguschen - 600 Tote (939 verwundet), 60.000 inguschische Flüchtlinge.

Hier wäre interessant zu erwähnen, dass in diesem Gebiet Einheiten des russischen Innenministeriums stationiert waren. Diese kriegerische Auseinandersetzung wurde nicht verhindert, bis das ganze Vertreibungsdrama vollzogen wurde. Die nach Ende der Kampfhandlungen stationierten russischen Friedenstruppen sind eindeutig pro-ossetisch gewesen. Daran ließ die Rede von General Oberst Filiatov im Fernsehen am 01.11.92 keinen Zweifel, hier ein Ausschnitt davon im Wortlaut: „…Russland hat seine treuen Söhne nicht vergessen, die Osseten, …. Heute werden die Luftlandetruppen zusammen mit den Inneren Truppen der RF und den Inneren Truppen Nordossetiens eine militärische Aktion gegen den Aggressor beginnen…Ich denke, es wird für uns nicht lange dauern, dieses Land von all denen zu säubern, die die friedvolle Arbeit in Ossetien stören wollen…. Ich möchte jene warnen, dass sie dieses Territorium verlassen und die Leute nicht stören, die hier auf eigenem Territorium leben und für viele Jahren in Frieden und Übereinstimmung lebten.“ (17)

Diese Ansprache macht die Position Moskaus deutlich. Es gab also für die Führung im Kreml weiterhin die „zuverlässigen“ und „unzuverlässigen“ Völker. Die Osseten gehörten eindeutig zu den „zuverlässigen“. Da diese Art der Einstufung auf Geschehnissen im 19. Jahrhundert beruhte, war die sowjetische Innenpolitik von den Ereignissen im zaristischen Russland sehr geprägt. Zwar sozialisiert, verlor es seinen imperialistischen Charakter keineswegs: nur treue Diener waren ja in diesem Reich willkommen. Als sich in Inguscheti im Sommer 2008 Verbitterung und Realitätssinn breit machten, wurde von der Opposition sogar eine Unabhängigkeitserklärung ernsthaft erwogen: „We must ask Europe or America to separate us from Russia“ (Wir müssen Europa oder Amerika bei der Trennung von Russland um Hilfe bitten“). (18) Eine Reaktion folgte prompt: Der Kreml-Kritiker und Betreiber einer oppositionellen Internetseite www.ingushetiya.ru, Magomed Jewlojew wurde festgenommen und ist durch einen Kopfschuss getötet worden - während er sich in einem Polizeiauto befand. Es habe einen „Zwischenfall“ gegeben, der mit einer Schusswunde im Kopf Jewlojews endete, teilte die russische Staatsanwaltschaft mit. (20, 21)

Bis heute sind die Osseten weitgehend die einzigen Nutznießer der Kaukasuseroberungspolitik Russlands. Wie weit wird Russland gehen? Was kommt als nächstes? Waren Georgiens Nato-Bestrebungen doch zu gefährlich? Und was wird mit den russisch-georgischen und georgisch-ossetischen Völkerbeziehungen? Paradox dabei ist, dass diese Länder zwar auf Regierungsebene befeindet sind, als Völker aber miteinander ein sehr unkompliziertes Verhältnis pflegen: mit vielen gemischten Familien und Freundschaften. In Georgien leben viele Osseten außerhalb des s.g. Südossetien. Von antiossetischer Stimmung war bis jetzt nie die Rede, aber die jetzigen Geschehnisse werden vermutlich tiefe Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt wegen der ungezügelten Propaganda: So liest man in Georgien, was ein bekannter Telejournalist und Hauptredakteur des Kreml-nahen „Russischen Nachrichten-Dienst“ Sergej Dorenko über den russisch-georgischen Konflikt schreibt: „Wir lieben Georgien und die Georgier und wir sollen versuchen, es Russland wieder anzugliedern. Ich betrachte Georgien als Kirsche auf der Torte, und wir sollen sie verspeisen. Und wir verspeisen sie auch. Wenn nicht, wer sonst soll sie essen?“ (22)

Sein Originalzitat auf Russisch: „Мы очень любим Грузию и грузин и должны стремиться к их воссоединению с Россией. Я считаю Грузию вишенкой на торте, и мы должны ее скушать. И мы ее съедим. А если нет, то кто ее должен съесть?“



Quellen:

1. http://www.georgien-nachrichten.de/index.php?rubrik=aussenpolitik&cmd=n_einzeln&nach_id=14539

2. http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_Georgiens

3. http://www.tagesschau.de/kommentar/suedossetien128.html

4. http://www.tagesschau.de/ausland/georgien280.html

5. http://de.rian.ru/analysis/20080815/116068652.html

6. http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCdossetien

7. http://en.wikipedia.org/wiki/Alania

8. http://de.wikipedia.org/wiki/Osseten

9. http://www.jamestown.org/publications_details.php?volume_id=2&issue_id=194&article_id=2281

10. http://lexikon.meyers.de/wissen/Zchinwali

11. Aus der Geschichte der Region Zchinwali (1990-1991), Saralidze Lela, Themen der neuen und neuesten Geschichte, Band 4, 2008, I. Djawachischwili Institut für Ethnologie und Geschichte, Tbilissi

12. http://de.wikipedia.org/wiki/Zchinwali

13. http://www.caucaz.com/home_de/breve_contenu.php?id=201

14. http://www.dobrudscha.de/dostalin.htm

15. http://de.wikipedia.org/wiki/Kaukasus

16. http://de.wikipedia.org/wiki/Imam_Schamil

17. http://www.policy.hu/sokirianskaia/research.html

18. http://en.wikipedia.org/wiki/Ingushetia

19. http://en.wikipedia.org/wiki/Ossetian-Ingush_conflict

20. http://www.welt.de/politik/article2379788/Kreml-Kritiker-Magomed-Jewlojew-ist-tot.html

21. http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/georgia/2663222/Russia-faces-news-Caucasus-uprising-in-Ingushetia.html

22. Сергей Доренко, главный редактор "Русской службы новостей" (www.rbcdaily.ru) http://region15.ru/

23. http://de.rian.ru/analysis/20080818/116105102.html




Lesen Sie weiter: Karte von Schida Kartli

Quelle: IBK, 05.11.2008
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Ermächtigte Übersetzerin für die georgische Sprache
Allgemein beeidigte Dolmetscherin für die georgische Sprache des Landes NRW
Georgische Übersetzungen und Georgisch Dolmetschen bei Georgisch.com - Irma Berscheid-Kimeridze
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