Georgien Nachrichten
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Georgien ist kein kriminelles Land!
Wie ein Lauffeuer verbreiten sich seit einigen Tagen die Nachrichten über Georgien in der deutschen Presse, dass einzelne Fraktionsvertreter im Bundestag, sowie einige deutsche Innenpolitikexperten wie Armin Schuster vor der Visa-Freiheit für Georgien warnen. Der Grund sei die deutlich angestiegene Kriminalität seitens der georgischen Staatsbürger und Missbrauch des Asylrechts, dergestalt dass der Zeitraum für die Bearbeitung der Asylanträge häufig für organisierte Verbrechen genutzt wird. Überschriften wie „Visa-Freiheit: Regierung fürchtet georgische Diebesbanden“ (DIE WELT) oder „Zu kriminell | Union lehnt Visa-Freiheit für Georgier ab“ (BILD) werden in den sozialen Netzwerken im Sekundentakt geteilt.
Die Niederrheingruppe und was sie mit Georgien zu tun hat
Vor wenigen Wochen ist die Niederrheingruppe erschienen, der jüngste Kriminalroman von Thomas Berscheid, der jahrelang die Nachrichten auf dieser Webseite geschrieben hat. Die Niederrheingruppe spielt fast ausschließlich im Kreis Viersen und hat einen kleinen Abstecher nach Köln. In Georgien spielt die Handlung nicht. Und dennoch sind viele Erfahrungen aus dem Nachrichten über Georgien der letzten Jahre in diesen Kriminalroman mit eingeflossen.
Iwanischwili reist nach Brüssel
Der georgische Premierminister Bidsina Iwanischwili ist zu einem Besuch nach Brüssel gereist. Dies ist sein erster Auslandsbesuch nach dem Machtwechsel durch demokratische Wahlen in Georgien.
Metro soll auch bestreikt werden
Die Gewerkschaft der Beschäftigten der Metro in Tbilissi hat angekündigt, in den Streik treten zu wollen. Damit wollen die Beschäftigten der Metro den Streik der Busfahrer unterstützen. Diese waren Mitte der Woche in den Streik getreten. Sie verlangen u. a. eine Gehaltserhöhung und bessere Arbeitsbedingungen. Ein Treffen mit Verantwortlichen der Verkehrsbetriebe und der Stadtverwaltung am Sonntag war ergebnislos verlaufen, die Fahrer verlangen den Rücktritt der beiden verantwortlichen Personen.
Sammlung von Unterschriften für Rücktritt von Saakaschwili hat begonnen
Die Organisation Einheit für Rechte in Georgien hat mit der Sammlung von Unterschriften für einen Rücktritt des Präsidenten Saakaschwili begonnen. Dies teilte die georgische Nachrichtenagentur Interpressnews mit.
Kalandadse und Schamatawa von Gericht ihrer Ämter enthoben
Der Leiter des georgischen Generalstabs, Giorgi Kalandadse, und der Kommandant der vierten Brigade der Streitkräfte, Surab Schamatawa, sind ihrer Ämter enthoben worden. Eine entsprechende Entscheidung fällte der Gerichtshof in Tbilissi auf Antrag der Generalstaatsanwaltschaft am Sonntag.
Der Fall Georgien: Medienpolitik als Organ der Vermittlung oder als Instrument des Kulturkampfes?
Von Marika Lapauri-Burk und Frank Tremmel

Betreff: ZDF

Dokumentation am 14.12.08 „Machtpoker im Kaukasus“

Dokumentation am 17.12.08 „Die Spur des Goldes“ /„Abenteuer Wissen“

Abstract: In der Zeit des eisernen Vorhangs und erneut in der Zeit nach der Perestroika war Georgien und der Kaukasus eine Terra incognita. Auch die offenbar mit heißer Feder geschrie-benen Artikel und Bücher der jüngeren Zeit bewegen sich entweder auf dem problematischen Niveau einer Weltbürgerkriegsdiagnostik oder ergehen sich in ahistorische Sophistereien über völkerrechtliche Einzelfragen, die den Leser oftmals ratlos zurücklassen. Den westlichen Berich-terstattern ist oftmals nicht bewusst, dass mit den politischen, ökonomischen und kulturellen Umbrüchen in Osteuropa für uns alle eine neue Ära angebrochen ist, die es erforderlich macht, unterschiedliche Erfahrungen in einem wechselseitigen Prozess auszutauschen und nicht einfach durch die Raster der jeweils überkommenen Kategorienssysteme zu filtern. Durch die Ereignisse im 20. Jahrhundert ist Georgiens natürliche Entwicklung als eine der ältesten europäischen Kul-turen abgebrochen worden. Durch die veränderte Weltlage, wie sie nach dem Zerfall der Sowjet Union entstand, bekam die geopolitische Stellung des Kaukasus erneut Bedeutung. Wir waren immer der Auffassung, dass europäische Politik im 21. Jahrhundert wesentlich Kulturpolitik im weitesten Sinne sein sollte. Kultur ist eine Möglichkeit, auch die oben angesprochenen politischen Krisen besser zu verstehen.

In der letzten Zeit gab es hin und wieder einige Bemerkungen und Diskussionen über die Bedeu-tung und Funktion der Medien in einer globalisierten Welt. Gerade am Beispiel Georgien läßt sich die vereinigende und gleichzeitig trennende Macht der medialen Berichterstattung sehr an-schaulich dokumentieren. In der Zeit des eisernen Vorhangs und erneut in der Zeit nach der Pe-restroika waren Georgien und der Kaukasus eine Terra incognita. Lediglich durch die stark idea-lisierte Gestalt Eduard Schewardnadses rückte das Land zeitweilig in den Fokus der Weltöffent-lichkeit, um dann schnell wieder in den unendlichen Weiten der postsowjetischen Unübersich-tlichkeit zu versinken. Durch kriegerische Auseinandersetzungen, wie sie im August dieses Jahres ausbrachen, hatte die Berichterstattung über diese Region erneut Konjunktur. Die Fragen nach den Hintergründen des Konflikts schufen einen wachsenden Bedarf an Informationen, die jedoch aufgrund der Besonderheiten dieser Region und der mangelnden Kenntnisse nur schwer zu beschaffen sind. Der auf Informationen aus zweiter Hand und zudem oftmals nur ungenügend überprüften Quellen aufgebaute Informationsfluss erwies sich zunehmend als destruktive Einflusskomponente. Auch die offenbar mit heißer Feder geschriebenen Artikel und Bücher der jüngeren Zeit bewegen sich entweder auf dem problematischen Niveau einer Weltbürgerkriegsdiagnostik à la Scholl-Latour, oder ergehen sich in ahistorische Sophistereien über völkerrechtliche Einzelfragen, die den Leser oftmals ratlos zurücklassen. So groß zweifellos die Bemühungen der georgischen Seite waren, die Aufmerksamkeit des Westens zu gewinnen, so groß ist jetzt die Befürchtung, dass dieses Interesse sich als zweischneidiges Schwert erweist. Die anfänglichen Hoffnungen auf eine stärkere Medienpräsenz weichen zunehmend der Sorge, dass das kleine Kaukasusland zum Opfer eines oberflächlichen Sensationsjournalismus wird. In manchen Fällen muss sogar von einem westlichen Informationskolonialismus gesprochen werden, der sich auf zweifelhafte Weise originäre Erfahrungen und Erkenntnisse der Menschen dieser Region aneignet und sie seiner Deutungshoheit unterwirft. Das gilt nicht nur für den politischen Kampf Georgiens um seine Unabhängigkeit, sondern auch für sein kulturelles Erbe.

Den westlichen Berichterstattern ist oftmals nicht bewusst, dass mit den politischen, ökonomi-schen und kulturellen Umbrüchen in Osteuropa für uns alle eine neue Ära angebrochen ist, die es erforderlich macht, unterschiedliche Erfahrungen in einem wechselseitigen Prozess auszutau-schen und nicht einfach durch die Raster der jeweils überkommenen Kategorienssysteme zu fil-tern. Angesichts des komplexen Ineindergreifens von Finanzkrise und antiquierten Großmacht-ambitionen auf einem ökologisch bedrohten Planeten sind wir erstaunt, mit welch groben und vorsintflutlichen Begrifflichkeiten die Kaukasusregion belegt wird. Das viel zitierte und immer wieder eingeforderte „Neue Denken“ erweist sich für Georgien weiterhin als leeres Postulat. Umso schmerzlicher empfinden wir es, dass nun auch das ZDF offenbar auf möglichst einfache, schnelle und oberflächliche Antworten setzt. Wir hatten bisher die deutsche Medienpolitik in mancher Hinsicht sogar für vorbildlich gehalten und gehofft, dass sie auch in Georgien Nachah-mer findet. Diese Vorbildfunktion müssen wir leider zunehmend bezweifeln. Wir finden in stei-gendem Maße eine reißerische Bildsprache in der Berichterstattung über den Kaukasus, der dem Anspruch einer seriösen Dokumentation nicht gerecht wird. Wir möchten an dieser Stelle aus einer Vielzahl nur zwei Sendungen herausgreifen, die vom ZDF im Dezember ausgestrahlt wur-den.

In der am 14.12.2008 ausgestrahlten Sendung „ Machtpoker im Kaukasus “ sollte uns in Ge-stalt einer dramaturgisch geschickt inszenierten Kriegsberichtserstattung der Eindruck einer vermeintlich objektiven, den Konfliktparteien gleichermaßen distanziert gegenüberstehenden, Analyse der Ereignisse suggeriert werden. Die Genealogie des Krieges setzt in der üblichen Weise mit den manifesten Kriegshandlungen im August ein. In einem furiosen Durcheinander klischeehafter Bildfolgen wird zwar rhetorisch die Frage, „Wer ist der Gute und wer ist der Bö-se“, aufgeworfen, aber es gelingt nicht, den historischen Kontext zu beleuchten, geschweige denn, den Konflikt in einer Entwicklungsperspektive zu deuten. Es bleibt insofern nur der Ein-druck einer lockeren Zusammenfassung gängiger Interpretationen, Sprachregelungen und geost-rategischen Allerweltswissens. Uns ist selbstverständlich bewusst, dass in den zur Verfügung stehenden fünfundvierzig Minuten keine vollständige Darstellung gegeben werden kann. Aller-dings muss vier Monate nach Ende der offensichtlichen Kriegshandlungen doch erwartet wer-den, dass mehr als nur die damals benutzten Klischees geliefert werden. Wir möchten in diesem Zusammenhang nur einige Punkte ansprechen:

1. Beispielsweise fanden wir es bezeichnend und bedauerlich, dass erneut einseitig eine Persona-lisierung des Konfliktes betrieben wurde. In plakativen Schnittfolgen wurden die Bilder Vladi-mir Putins und Michail Saakaschwilis so montiert, dass der Eindruck entstehen mußte, als ob sich zwei völlig gleichartige Machthaber ein Duell liefern würden. Der Präsident Georgiens wird einerseits als Negativfigur aufgebaut, andererseits hat das Exklusivinterview mit dieser tatsäch-lich oder vermeintlich zweifelhaften Figur aber einen Stellenwert, der dann nur schwer zu ver-stehen ist. Es wäre doch weitaus leichter gewesen, beispielsweise die russische Menschenrech-tlerin Tatjana Lokschina (Human Rights Watch), die in der Konfliktregion vor Ort war, zu be-fragen. Die Suche nach Guten und Bösen ließ offenbar auch keinen Raum im bundesdeutschen Fernsehen für die Handvoll russischer Liberaler, die sich überhaupt noch trauen, die Außenpolitik ihrer Regierung zu kritisieren. Das ZDF scheint diese Ressourcen der Zivilgesellschaft aber eh nicht sonderlich interessant zu finden. Worin liegt dagegen der Wert einer Informationsquelle wie Saakaschwili, die bereits im Vorfeld als parteilich denunziert wurde? Wenn man lediglich die Absicht hatte, die personalisierten Kombattanten zu Wort kommen zu lassen, warum schloss sich dann in dieser Logik kein Interview mit Präsident Medwedew oder Herrn Putin an? Vielleicht wäre es den ZDF-Autoren gelungen, Medwjedev eine ähnliche Aussage, wie in dem Interview vom 26.12.08, in dem er die Kriegsvorbereitungen zugegeben hat, zu entlocken. Zudem dürfte den verantwortlichen Redakteuren doch bekannt gewesen sein, dass mittlerweile die Schweizer Botschafterin Heidi Tagliavini, die persönliche Vertreterin des Amtierenden Vorsitzenden der OSZE für Missionen im Kaukasus, zur Leiterin einer Kommission zur Untersuchung der Kriegsursachen berufen wurde. Dafür wurden Mittel in Höhe von 1,6 Millionen Euro bereit-gestellt. Die Untersuchungen sollen bis 31. Juli 2009 abgeschlossen sein. Es sollte einem klugen, investigativem Journalismus doch möglich sein, Frau Tagliavani zumindest einen Zwischen-kommentar zu entlocken. In jedem Fall wäre ein Verweis auf die Arbeit dieser Kommission ein Gebot der journalistischen Redlichkeit gewesen. Anstatt über die Einhaltung des von Präsident Sarkozy ausgehandelten „Sechs Punkte Plans“ zu berichten und dazu seit Anfang Oktober in den Konfliktgebieten tätige EU Beobachter, z.B. den deutschen Diplomaten Hansjörg Haber zu be-fragen, werden erneut offizielle Regierungsvertreter befragt, die im gleichen Zuge als parteilich demontiert werden. Auch die Kommentare von David Gamkrelidze, einem auch in der georgi-schen Bevölkerung mehr als umstrittenen Oppositionspolitiker, dienen eher der erneuten, einsei-tigen Fokussierung auf den Präsidenten Saakaschwili. Auf diese Weise kann nur der Eindruck einer unübersichtlichen Propagandaschlacht entstehen, in der es keine Wahrheiten gibt. So nihi-listisch sehen wir die Lage aber keineswegs. Die Autoren des Films, Herr Strumpf und Frau Ge-llinek, hätten lediglich, anstatt bereits in der Titelwahl eine oberflächliche Glücksspielmetaphorik zu bemühen, die historische Rolle Russlands in dieser Region näher beleuchten müssen, um sich und den Zuschauern ganz zwanglos eine Magistrale zu entscheidenden Erkenntnissen zu erschließen. Damit sind auch bei den beiden Hauptpunkte unserer Kritik angelangt: Dem Mangel an historischen Hintergrundinformationen und bestimmten Sprachregelungen, die bundes-deutsche Journalisten als scheinbar unbeteiligte Beobachter in einem Konflikt erscheinen lassen, in dem sie den Kombattanten äquidistanziert gegenüberstehen.

2. Die Frage, wer den Krieg begonnen hat, läßt sich nur beantworten, wenn auf die langfristigen Interessen Russlands in dieser Region hingewiesen wird. Es ist doch offensichtlich, dass bei der medial umgesetzten Genealogie eines Krieges der zweifellos immer auch perspektivisch gesetzte „Beginn“ von entscheidender Bedeutung ist. Wenn wir den Konflikt lediglich mit den Ereignis-sen im August 2008 anfangen lassen, bekommen wir ein anderes Bild, als wenn wir die Urs-prünge weiter zurück datieren. Beide Vorgehensweisen sind in jedem Fall begründungsbedürftig. Im Beitrag des ZDF wird die erste Perspektive aber ohne Angabe von Gründen gleichsam na-turwüchsig nahegelegt. Das ist weder im Sinne redlichen historischen Forschens, noch unter Ge-sichtspunkten eines professionellen Journalismus akzeptabel. Es wäre zumindest darauf hinzu-weisen gewesen, dass viele seriöse Wissenschaftler die unmittelbaren Ursachen des Konfliktes bereits im Jahr 2004 verorten, umfassendere Forschungen einen latenten Kriegszustand seit 1992 konstatieren und wirkliche Kenner der Region darauf verweisen, dass hier von einer dritten An-nexion Georgiens durch Russland gesprochen werden kann. Insofern wäre dann der Konfliktbe-ginn sogar mit dem Jahr 1801 (mit dem Folgedatum 1921) anzusetzen.

Wenn man allerdings lediglich den Konflikt zweier wild gewordener Diktatoren ins Bild setzen will, dann ist die vordergründige Vorgehensweise des ZDF klug gewählt. Es entsteht der Ein-druck, als ob Russland und Georgien zwei gleichermaßen imperiale Mächte wären und die bun-desdeutschen Journalisten in der Berichterstattung nur das Credo des Bundeswehrgenerals a.D., Klaus Reinhardt, nachvollziehen, der beide Konfliktparteien offenbar für verdiente Verlierer hält und lediglich die EU als gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen lässt. Bisher sind wir davon ausgegangenen, dass Georgiens Weg in den Westen im gemeinsamen Interesse sowohl der USA als auch der Europäer läge. Der Beitrag im ZDF legt nahe, dass Georgien lediglich ein kaukasi-sches Pendant zu den lateinamerikanischen Bananenrepubliken ist. Eine überdimensionierte US-amerikanische Botschaft und nordamerikanische Ausbilder der georgischen Armee werden dafür als plakative Belege genommen. Wir möchten in diesem Zusammenhang fragen, ob ein analoger Befund für die Bundesrepublik Deutschland, der sich ebenso schnell herstellen ließe, im Rahmen eines öffentlich-rechtlichen Senders Akzeptanz fände? Rein sachlich wird auch hier übrigens unterschlagen, dass es diese Ausbilder bereits während der Amtszeit Eduard Schewardnadses gab, der weit bessere Beziehungen zur russischen Nomenklatura unterhielt als sein Nachfolger. Dass zudem georgische Offiziere an Hochschulen der Bundeswehr ausgebildet werden und Franzosen am Bau von Militärbasen beteiligt waren, wäre immerhin ebenfalls erwähnenswert gewesen. Vielleicht sollten sich bundesdeutsche Journalisten von Zeit zu Zeit einmal daran erin-nern, dass in diesem Konflikt Werte verhandelt werden, die auch ihren Vorstellungen von einer freien Berichterstattung zugrunde liegen. Roland Stumpf beschreibt im Internetbegleittext zur Sendung den Unmut seiner westlichen Kollegen, die sich über die ständige Überwachung und die Hindernisse bei einer objektiven Berichterstattung beschweren. Ihm selbst ist dazu nicht viel mehr eingefallen, als leitmotivisch einen Pressesprecher der russischen Armee als Begleitung durch den Film zu wählen. Vielleicht hilft das ja, durch den selbstinszenierten Propaganda-dschungel hindurchzufinden, um dann bei „europäischen Interessen“ anzulangen.

3. Neben der Auswahl der Bilder spielen zweifellos bestimmte, immer wieder benutzte Rede-wendungen eine entscheidende Rolle, um eine Situation in ihrer Bedeutung festzulegen. Herr Strumpf und Frau Gellinek haben dazu von Anfang an Phrasen, wie „zerrissenes Land“ und „un-ruhiger Kaukasus“ gewählt, um eine offenbar an sich schon instabile und durch ethnische Konf-likte charakterisierte Region zu beschreiben. Untermalt mit den entsprechenden Bildern des Au-gust entsteht der Eindruck einer bemitleidenswerten, aber auch unheimlichen Bürgerkriegsregion, deren Konflikte für den bundesdeutschen Medienkonsumenten fern und trotzdem bedrohlich wirken. Es wird nicht zum ersten Mal der Eindruck erweckt, als würden hier halbwilde kaukasi-sche Bergvölker die alten Großmächte in einen Konflikt ziehen, der für die bundesdeutsche Ge-mütlichkeit gefährlich werden könnte. Das Ringen dieser Völker um eine halbwegs unabhängige und kontinuierliche Entwicklung wird dabei nicht mehr sichtbar.

So wird der erst 1922 von bolschewistischen Organisationen kreierte Begriff „Südossetien“ völ-lig fraglos übernommen und perpetuiert. Zu dem damaligen Zeitpunkt lebten lediglich drei osse-tische Familien in Zkhinwali. Gleichzeitig verschiebt man durch die andauernde Wiederholung des Begriffs „Kerngeorgien“ die historischen Grenzen des Landes und bereitet damit semantisch die Zerstörung der völkerrechtlich verbürgten Souveränität und Integrität Georgiens vor. Tradi-tionell ist die Region „Schida Kartli“, für die nun der Ausdruck „Südossetien“ gebraucht wird, „Kerngeorgien“. Es steht den verantwortlichen Journalisten frei, im klar ausgewiesenen Kom-mentar, den Georgiern den Verzicht auf diese Region nahe zu legen. Hier wird aber mit einer schleichenden Bedeutungsverschiebung der medialen Propaganda Russlands Vorschub geleistet. Wir möchten davon ausgehen, dass dies Herrn Strumpf und Frau Gellinek und vielen anderen bundesdeutschen Journalisten nicht bewusst ist. Nichtsdestotrotz müssten sie wissen, dass mit Bezeichnungen Geschichtspolitik betrieben wird. Wir erwarten keineswegs, dass in diesem Zu-sammenhang in jedem Fall den georgischen Quellen und deren Interpretation gefolgt wird. Ein seriöser Journalismus muss aber den semantisch umkämpften Charakter dieser Bezeichnungen zumindest erwähnen.

Andere, scheinbar unverfängliche Bedeutungsverschiebungen möchten wir an dieser Stelle nicht alle aufführen. Wenn aber Alexander Lomaia, der Sekretär des georgischen Nationalen Sicher-heitsrates, nun unbedingt zum „Chef des mächtigen Sicherheitsrates“ avancieren muss, werden erneut Konnotationen nahegelegt, die zumindest deutlich gemacht werden sollten. Inwiefern ein für die Verteidigung zuständiges Exekutivorgan eines teilweise okkupierten Landes nun gerade „mächtig“ genannt werden kann, ist doch begründungsbedürftig. Dass die zuständigen Journalis-ten um diese semantische Problematik wussten, geht aus dem Interview mit der sogenannten Kaukasusexpertin Marietta König hervor, die allerdings nur auf den von beiden Konfliktparteien gerne bemühten „Faschismusvergleich“ aufmerksam machte und damit wieder nur das Argu-mentationsklischee des Films von den gleichwertigen Streithähnen bediente. Frau König wurde übrigens in kurzer Zeit zu der Expertin des Konflikts, die von den bundesdeutschen Medien wohl vor allem deshalb so gerne frequentiert wurde, weil sie deren scheinbare Äquidistanz zu den Konfliktparteien mit ihren Kommentaren vollauf bediente.

Selbst wenn wir voraussetzen, dass es den ZDF-Journalisten nicht um eine anspruchsvolle histo-rische und semantische Analyse des Georgienkonfliktes ging, was aufgrund der zeitlichen Limi-tierung des Formats durchaus schwierig ist, bleibt die Vorgehensweise eigentümlich eindimen-sional. Auch wenn das Ziel lediglich in der Darstellung der unmittelbaren Kriegsursachen und

-geschehnisse im August bestand, wären beispielsweise folgende Themen unbedingt zu behan-deln gewesen:

1. Die hohe Konzentration russischer Truppen an der georgischen Grenze bereits im Mai/Juni.

2. Die im Juli durchgeführten Militärübungen (Pressemeldung von 04.07.08 IA REGNUM), in denen Georgien der explizite Gegner war. In diesem Zusammenhang wären auch die Übungen im gesamten Südbezirk und in den nordossetischen Bergen unter der Leitung von General Vladimir Propichev, dem stellvertretenden FSB Direktor zu nennen.

3. Im Vorfeld hatten bereits 2002 Militärübungen der 58. Armee in Vladikavkaz stattgefun-den, potentieller Gegner: Georgien. 2006 führte die gleiche Armee breit angelegte Übun-gen in Kabardino-Balkarien, Inguschetien, und Nordossetien durch. An den Übungen mit der Name “Kaukaz 2008” nahm die 58. Armee zusammen mit der 76. Division „pskov“ teil. Diese Division ist in Nalchik (Balkarien) stationiert. Nach den Übungen (am 2. Au-gust) sind sie in Saramage (hinter Djava) geblieben (Meldungen “Krasnaja Zvezda”).

4. Unterschiedliche Verlautbarungen offizieller und halboffizieller Stellen, aus denen ein unmittelbar bevorstehendes Eingreifen russischer Truppen im Kaukasus hervorging.

5. Der Abschuss von drei russischen Drohnen (vor und nach dem Krieg). Im Filmbeitrag werden lediglich georgische Drohnen erwähnt.

6. Die Hackerangriffe auf georgische Websites.

7. Die Informationen von Human Rights Watch, wonach die Zerstörungen in Zchinwali erst nach dem georgischen Rückzug stattgefunden haben.

8. Überprüfung des „Sechs Punkte Plans“, über den kein Wort verloren wird.

Herr Strumpf und Frau Gellinek fanden es offenbar nicht notwendig, diesen Informationen und Hinweisen nachzugehen. Insofern sind sie nicht einmal den elementarsten Voraussetzungen einer auch nur oberflächlichen Berichterstattung nachgekommen. Es ist trivial, dass die täglichen Nachrichten einer solch komplexen Region wie dem Kaukasus mit einer Vielzahl von Sprachen und Glaubensrichtungen nicht gerecht werden können. Wenn aber die Recherchen immer wieder auf gleiche Art geführt, immer dieselben Quellen einseitig benutzt und standardisierte Redewen-dungen und Sprachregelungen übernommen werden, dann wird ein komplexeres, differenzierte-res Bild wohl nie entstehen. Mittlerweile sollte die Zeit der begrifflichen Richtigstellungen und des Kampfes um Definitionen vorbei sein. Anstatt einen Kulturkampf um Begriffe zu forcieren, wäre es wichtiger, einen Begriff von dem zu entwickeln, was in der Perestroikazeit einmal mit dem „Allgemeinmenschlichen“ bezeichnet wurde. Dies scheint uns ein wichtigeres Problem zu sein, als die globale Geopolitik, in der Georgien zunehmend nur noch als einer der Schauplätze des ost-westlichen Machtpokers auftaucht. Durch die Ereignisse im 20. Jahrhundert ist Georgiens natürliche Entwicklung als eine der ältesten europäischen Kulturen abgebrochen worden. Durch die veränderte Weltlage, wie sie nach dem Zerfall der Sowjet Union entstand, bekam die geopolitische Stellung des Kaukasus erneut Bedeutung. Für die westlichen Medien sollte es doch eine Herausforderung sein, gerade einem Land wie Georgien, mit seiner eingeständigen Kultur, zu helfen, den Anschluss an das globale Bewusstsein zu finden. Leider sind hierzulande selbst Dokumentationen, die eigentlich kein negatives Bild vermitteln und das eine oder andere The-men aufgreifen (z.B. anspruchsvolle Reportagen von Fritz Pleitgen oder Autorenfilme von Ruth Ocman und Stefan Tolz), in dieser Hinsicht oftmals kontraproduktiv. Da es keine entwickelte demokratische Kommunikation und Perspektivenverschränkung zwischen deutschen und georgi-schen Kulturproduzenten bzw. –rezipienten gibt, werden die selektiven Ausschnitte der Autoren oftmals zum einseitigen Gesamtbild stilisiert. Quellen und deren Repräsentativität werden kaum kritisch reflektiert. Die viel zitierte Autorensicht lässt die georgische Kultur zur exotischen Res-source werden, mit deren Hilfe der Autor sich weltläufiges Profil verschafft.

So würde doch wohl kaum ein Deutscher eine Berichterstattung über Kreuzberg, bei der nur Personen aus Szenekneipen interviewt werden, als repräsentatives Bild der gesamten Bundesre-publik gelten lassen. So ist vermutlich auch nur den wenigsten Deutschen bewusst, dass sie zu Hause zum Weihnachtsfest keineswegs die „Nordmann Tanne“ stehen haben, sondern die „kau-kasische Fichte“. Und wer ist sich schon darüber im klaren, dass die Bezeichnung eines viel kon-sumierten Weins (Vino Gvino) auf ein georgisches Wort zurückgeht, was in jedem Lexikon steht. Solche Aufklärungen wären aber bereits kleine Schritte, um das hiesige Publikum für die Kaukasusregion zu sensibilisieren. Uns geht es keineswegs um eine einseitig nationale Sichtweise. Wir sind vielmehr der Auffassung, dass eine Einbettung der Themen in globale Kontexte und eine wechselseitige Betrachtungsweise überhaupt erst die multidimensionale Bedeutung der behandelten Region erkennbar werden lässt. Gerade weil Georgien nicht in eine europäische Öffentlichkeit integriert ist, bekommen die Beiträge einzelner Autoren eine besondere Bedeutung. Die Herausforderung für die Medien ist in diesem Fall besonders groß.

Fast noch schmerzlicher hat uns die Dokumentation von Peter Prestel in „Abenteuer Wissen“ berührt. Obwohl sich der Beitrag auf dem scheinbar unverfänglichen Gebiet „Kultur“ bewegt, ist er für den Umgang bundesdeutscher Medien mit Georgien fast noch symptomatischer. Die in den hiesigen Medien als hochaktueller Sensationsfund verkauften archäologischen Entdeckungen altertümlicher Goldminen, die den gesamten vorderorientalischen Raum versorgten, gehen auf Ausgrabungen zurück, die in der Region bereits seit 1958 durchgeführt wurden. In den Jahren 1982/83 wurden die Minen von georgischen Geologen entdeckt. Seit 1997 bestehen Kontakte zum Bochumer Bergbau Museum, mit dem gemeinsame Projekte durchgeführt wurden. Die sensationelle Datierung der Funde des Projekt „Die Goldmine“ stammt von Frau Dr. Irina Gambaschidze. Der im Film als Entdecker dargestellte Bergbau-Archäologe Herr Prof. Thomas Stöllner ist einer der Mitarbeiter des Projekts, der zunächst mit Skepsis in das Projekt eingestiegen ist und die Datierung der georgischen Kollegen bis vor kurzem nicht geteilt hat. Es handelt sich um ein von der VW Stiftung finanziertes Projekt. Die Stiftung bietet seit Jahren den Kaukasus als Thema in Ihrem Förderprogramm an. Das ist eine sehr begrüßenswerte Möglichkeit, diese komplexe Region in Deutschland wissenschaftlich zu erforschen. Das Zustandekommen bilateraler Projekte und die Teilnahme deutscher Forscher sind wichtig für die Verständigung, die mit dem oben erwähnten Beitrag gefährdet wird. Wir sind sicher, dass diese Art der Darstellung weder im Sinne der deutschen Teilnehmer noch für eine Zusammenarbeit bei internationalen Projekten hilfreich sein kann.

Offenbar kann die georgische Politik und Kultur nur in einer bestimmten medialen Vermittlung durch bundesdeutsche Medien existieren, so wie sie zu sowjetischen Zeiten nur in der prismatischen Brechung durch die russische Sprache und Kultur in die Weltöffentlichkeit gelangte. Georgien ist scheinbar nur als exotischer Gegenstand interessant, der sich eilfertig in eine bestimmte Weltordnung einzuordnen hat. Der harte Überlebenskampf der Georgier und ihre kulturellen und wissenschaftlichen Leistungen sind dabei sekundär. Die deutschen Medien geben sich gerne den Anschein, ein ehrlicher Makler, ein objektiver Faktor zwischen Ost und West zu sein. Die beiden Sendungen des ZDF sprechen eine andere Sprache.

Wir waren immer der Auffassung, dass europäische Politik im 21. Jahrhundert wesentlich Kulturpolitik im weitesten Sinne sein sollte. Kultur ist eine Möglichkeit, auch die oben angesprochenen politischen Krisen besser zu verstehen. Ohne Berücksichtigung der kulturelle Eigenarten werden politische Entscheidungen kaum erfolgreich sein können. Die Medien sollten gerade in diesem Bereich ihre große Verantwortung für eine Verständigung der Kulturen wahrnehmen und helfen, die gemeinsamen europäischen Wurzeln zu entdecken. Eine kulturelle Enteignung der Osteuropäer durch die Westeuropäer dient diesem Ziel wohl kaum. Ein vordergründiger Sensationsjournalismus kann hier viel Vertrauen zerstören und auch politisch problematische Folgen haben. Eine Zusammenarbeit auf der Grundlage gemeinsamer kultureller Werte ist doch nahezu die einzige Chance, die moderne Krise gemeinsam zu überwinden. Hierzu sollte doch die Gesellschaft ihre Kräfte mobilisieren. Es ist eine zentrale Aufgabe der Medien, gesellschaftliche Prozesse in diese Richtung zu lenken.

Quelle: Lile e.V., 11.01.2009
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Ermächtigte Übersetzerin für die georgische Sprache
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Georgische Übersetzungen und Georgisch Dolmetschen bei Georgisch.com - Irma Berscheid-Kimeridze
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